Wurzeln

Image107Folgender Artikel von Eckhard Schimpf erschien im August 1988 in der Braunschweiger Zeitung:

Zum Tod von Kurt Ahrens sen.:Image133

Er stürzte und er siegte.

Zwei Monate vor seinem 80. Geburtstag, ist der ehemalige Braunschweiger Rennfahrer Kurt Ahrens sen. gestorben. Sein Name ist vielen tausend Motorsportfans in ganz Deutschland noch heute ein Begriff. Weniger die Titel, die Ehrungen, die mehr als 150 Siege auf den Pisten ganz Europas sind in Erinnerung geblieben. Eher schon sein bedingungsloser Kampfgeist, seine unzähligen Unfälle mit Motorrädern und Rennwagen.

Kurt Ahrens sen., ein gebürtiger Hildesheimer, war zunächst Kunstmaler, der Kirchendecken restaurierte. Mitte der 30er Jahre wechselte er Wohnort und Beruf: Er zog nach Braunschweig und machte sich als Schrotthändler selbstständig.

Motorradrennen bestritt er schon seit Beginn der 30er Jahre, von 1948 an jedoch in großen Stil: Er startete meist in drei Klassen (250, 300 und 500 ccm) am gleichen Tag. Seine Spezialität: Sandbahnrennen, Speedway. Er verstand wenig von Technik, schraubte auch nicht selbst, aber er war ein Draufgänger. Und das liebten die Zuschauer.

Tausende Braunschweiger werden sich noch an ein Rennen 1949 auf der Aschenbahn des Eintracht-Stadions erinnern. Ahrens startete in einem Lauf derart furios, daß die Maschine sich aufbäumte und nach hinten Überschlug. Der Start wurde wiederholt. Ahrens sprang auf eine Ersatzmaschine und siegte. Beim Endlauf zur Deutschen Meisterschaft 1950 der 250ccm-Klasse mußte er in München unbedingt gewinnen um den Titel zu erringen. Das Handicap des Braunschweigers: Er hatte sich den rechten Fuß bei einem vorhergehenden Rennen gebrochen. Wie die Sache ausging? Ahrens wurde Deutscher Meister. Mit Gipsfuß.Image032

5 Vater_Sohn_GroupieOb Gehirnerschütterung, Schulterbruch oder eingegipste Hand: Der eisenharte Kurt Ahrens (von 1952 an fuhr er nur noch Autorennen) ging unerschütterlich an den Start. Bei über 400 Rennen. Es dürfte kaum einen deutschen Motorsportler gegeben haben, der derartig viele Unfälle überlebt hat.

Mit zunehmendem Alter wurde die Sache kritischer. 1963, er war mittlerweile 54 Jahre alt, spitzte sich die Sache zu. In den ersten sieben Rennen des Jahres hatte er siebenmal Karambolagen oder Kollisionen. Schon maulten die Konkurrenten. Jochen Rindt, über 30 Jahre jünger als Ahrens, kam als Bittsteller: “Kurt, starte doch heute mal etwas vorsichtiger. Das wird zu teuer für uns, wenn Du hier immer so rumwirbelst.” Die Vorhaltung nützte zwar nichts, aber die Sache erledigte sich schnell. Beim Berliner Avus Rennen im Juni 1963 schoß Ahrens in seinem Lotus mit viel zu hohem Tempo in die Nordkurve und überschlug sich bei 180 km/st. Unverletzt stieg er aus dem Wrack und warf den Sturzhelm weg: “Jetzt reichts, ich fahre nicht mehr.” Das war sein (für ihn zünftiger) Abschied vom Rennsport.

Sicher wäre er nicht so lange gefahren, wenn nicht sein Sohn Kurt ebenfalls in den Rennsport eingestiegen wäre. Mit 18 im Jahre 1958. In den darauffolgenden fünf Jahren hatte Europas Motorsport eine Attraktion: Kurt Ahrens senior (auf Lotus) und Kurt Ahrens junior (auf Cooper) fuhren gegeneinander, wobei der Sohn bald der Schnellere war.

Nach 1963 war Vater Ahrens nur noch Betreuer seines Sohnes, der sich (zuletzt als Werksfahrer bei Porsche) in die Weltelite der Autorennfahrer vorschieben konnte und 1970 (30 Jahre alt) mit dem Rennsport Schluß machte.img068